Heilpraktikerschule Josef Angerer
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Eine dankbare Erinnerung und Würdigung
von K. H. Gürtler


Wozu braucht der Heilpraktiker eine Fachschule? Vater Staat hat uns durch sein weitmaschiges HP-Gesetz generell das Charisma der Heilbegabung bestätigt. Auch sogenannte Fern- und Seminarschulen außerhalb der Legalität unserer Verbandssatzungen haben tüchtige Kollegen herangebildet. Und schließlich geht es auch mit dem Do-it-yourself-Prinzip: Immer mehr Autodidakten drängen sich zu den amtsärztlichen Überprüfungen.

Doch ich bin überzeugt, daß keiner unseres Kurses die Schulzeit missen möchte. Wir stehen jetzt etwa 25 Jahre im Beruf, eine Menge Kranker ist durch unsere Hände gegangen, jeder hat seine Erfahrungen mit Gesundheitsämtern, jungen Kollegen und Pharmareferenten gemacht. Wir denken gern an unsere Schulzeit zurück, aber wir beneiden auch den Nachwuchs von heute. Die Lehrer sind jünger, die Lehrerinnen hübscher, das Anschauungsmaterial perfekter, die Kursdauer um ein Jahr länger geworden. Aber auch unser Pausenhof war damals schon Schwabing, unsere Wandelhalle der „Englische Garten". Und wir hatten vor allem noch Dr. Fritsche persönlich in Homöopathie. Irgendwie hat er uns alle geprägt, dieser schlagfertig-direkte Berliner, der Hahnemann-Besessene, der Dichter, der Nachfahr von Ringelnatz und Morgenstern, dieses vitale Nervenbündel aus Polemik und Charme. - Wir hatten leider nicht mehr Josef Angerer in Augendiagnose. Doch blieb er uns immer hautnah verbunden durch seine Vorträge, seine Fachartikel, seine Bücher. Er war unser Vater, der Erforscher neuer Welten, ein großer Gesetzgeber des „Außenseitertums", der Kartograph irdischer Jenseitswelten. Wenn die Münchner Schule heute seinen Namen trägt, so ist dies keine Heiligsprechung zu Lebzeiten, nicht mal eine Würdigung, sondern ein ganz schlichtes Bekenntnis zu dem Begründer einer medizinkosmischen Gesamtschau.

Wir hatten damals als Lehrer Linder, Boelger, Pumpe, Riede und Grimm, den Zigarrenraucher. Grimm gab Haut, Labor und Spagyrik. Papa Riede, der seine Skripten wortgetreu in unsere Hirne hämmerte, gab Physiologie und Pathologie. Ferdinand Linder wäre auf der anderen Seite des Siegestores ein großer Chirurg oder Pathologe geworden. Uns zum Glück hat er rechtzeitig die Fakultät gewechselt und war neben seiner großen Praxis unser Ansprechpartner, Lehrer der Anatomie, der Diagnostik, ironischer Kommentator modisch-kommerzieller Wunderheiler, die es auch schon vor Köhnlechner gab. Heinrich August Boelger lehrte alles, was lehr-bar ist im Reiche der Medizin, er war der geborene Springer, wie es im heutigen Lehrerjargon heißen würde. Er konnte konzentriert und sachkundig von einer Minute zur anderen in jedes Sachgebiet einsteigen, Zusammenhänge erleuchten, Querverbindungen schaffen. Wir verdanken ihm viele gute Ratschläge für die Einrichtung der Praxis, geschmäcklerische Psychologie, saubere Injektionstechnik, Hygiene, korrekten Umgang mit Praxishilfen, legale Liquidationspraxis und Umgang mit Menschen.

Was wäre aber die trockene Theorie der Schule gewesen ohne die Kräuterwanderungen im Isartal, ohne den Duft der Blumen, ohne Pfarrer Kneipp, ohne das Gespräch mit homöopathischen Ärzten, die gemeinsam mit uns Brennessel und Bärlauch, Gartenraute und Agrimonia im großen Garten der Natur studierten? Aus der Erinnerung taucht die Gestalt von Heinrich Pumpe auf: unermüdlicher Wanderer und Meister der Heilpflanzenkunde, tragikumwittert, doch ohne Verbitterung. Profunder Kenner der Komplexhomöopathie, dabei aber unverhohlener Bewunderer des konsequenten Einzelhomöopathen Fritsche. Viel zu früh starb auch Willi Schmidt. Er war ein Mensch zum Gernhaben, ein edler Kopf, Musikfreund, Maler, Menschenkenner, Biochemiker, Kompositeur vieler Arzneispezialitäten. Doch seine wahre Heimat, sein Handwerk, war die Chiropraktik. Wer zu seinem Geheimbund der echten und wahren Osteopathen zugelassen wurde, war ein Könner hohen Grades.
Fritz Rabe gab Gesetzeskunde. Aber seine Bedeutung lag auf dem Gebiet der Verwaltung. Als unser Geschäftsführer war er der große Organisator von Tagungen, er reformierte die Rechtsabteilung, koordinierte widerstreitende Gruppen, stellte die Weichen für die Zukunft, die für die Heilpraktiker schon immer düster war, gestern, heute, morgen. Er war Kontaktperson zwischen den niedergelassenen Heilpraktikern und dem Verband, Salomon und Friedrich der Große in einer Person. Er hat manch begabten Zauderer auf Vordermann gebracht und manch hochbegabtes Großmaul wieder in die Wüste geschickt.

Es ist kaum zu glauben, daß sich neben so viel aktiver Männlichkeit zwei Frauen profilieren konnten: „Iris" Baginsky und Frau Rabe. Frau Rabe war der Prototyp einer idealen Sekretärin. Sie war allgegenwärtig, gescheit, belesen; wo sie konnte, half sie über bürokratische Hürden hinweg und sie war ein Mensch, der Güte ausstrahlte. Ihr völlig unerwarteter Tod war eine der größten Erschütterungen unserer frühen Praxisjahre. Doris Baginsky war die Dozentin par excellence. Erfolgsgewohnt, repräsentativ, hat sie sich nie geschont, wenn es um die perfekte Wiedergabe von Erkenntnissen ging. Sie war Berufsjournalistin, hochbegabte Zeichnerin, vorbildliche Ehefrau und Mutter. Sie übernahm ab 1959 bei uns den Unterricht in Augendiagnose und Akupunktur. Man halte sich auch das Datum vor Augen. In dieser Zeit hielten die offiziösen Medizinmänner in unserem geliebten Vaterland die Akupunktur bestenfalls noch für einen Zweig der Akustik oder für eine technisch verfeinerte Art von Akkumulatoren. Und uns glücklichen HP-Anwärtern wurde bereits damals die Energielehre, Pulsdiagnostik, chinesische Philosophie, Reflexzonendenken und die ganze klassische Akupunktur ganz selbstverständlich gelehrt. – Man kann die unerschöpfliche Arbeitskraft von Frau Baginsky nur bewundernd verstehen. Sie übernahm nach dem Tod von Albert Baginsky die Redaktion der „Naturheilpraxis" und schuf Maßstäbe für hohes Niveau, gepaart mit Lesbarkeit. Sie war die erste Redakteurin der neu-geschaffenen Patientenzeitschrift „HP-Kurier" und blieb auch hier, wie sie immer war: eigenwillig, eine rasche Arbeiterin, blitzschnell im Erkennen von Begabungen und Schaumschlägern, hart und unduldsam in ihrem Urteil, absolut unbestechlich.

Wir hatten damals noch nicht Joachim Broy, Josef Karl und Norbert Seidl. Aber auch sie waren uns nicht unerreichbar. Aus den Schulklassen formierten sich zwanglos Arbeitsgemeinschaften, Interessengruppen, Vereine. Wetzlar, Hersfeld, Kissingen, Burgberg und Eberbach riefen mit erlesenen Vorträgen, ihrem Kollegengespräch und ihrer unverwechselbaren Atmosphäre ihre Anhänger zu sich. Und immer wieder lockte München mit Josef Angerer, seinem politischen, wissenschaftlichen und religiösen Freundeskreis und seiner Weltstadtatmosphäre.
Denn Vielseitigkeit und Drang zur Weiterbildung ist ein Merkmal aller echten Heilpraktiker. Mir graut vor Kollegen mit großer Praxis, die sich lauthals rühmen, daß sie nie ein Seminar besucht, nie eine Fachzeitung gelesen, nie bei einem Kollegen assistiert, nie selbst Schüler ausgebildet und nie als Beisitzer bei Prüfungen fungiert haben.

Wir Heilpraktiker sollten doch Leute mit viel Kontaktfreude sein. Extrem Introvertierte oder ausschließlich Geschäftstüchtige haben in diesem Beruf nichts zu suchen. Auch für uns nunmehr alte Hasen war die Zeit nach der Schulzeit nicht immer rosig. Wer je eine eigene Praxis aufgebaut hat, weiß ein Lied zu singen von der spagyrischen Umwandlung alter Freunde in miese Bekannte. Mancher ehemals interessestrotzende Neuform-Fanatiker verwandelte sich später in einen abwartenden kühlen Rechner. Aber irgendwann begannen dann doch die Patienten zu strömen, und nach ein paar hundert Augenpaaren festigte sich eine innere Souveränität, Ratschläge formten sich zu Rezepten, aus dem Vielerlei der therapeutischen Möglichkeiten kristallisierte sich handfeste Hilfsbereitschaft. Sicherheit sprang über vom Behandler zum Patienten, der eigene Stil war geboren.
Wo steht die Münchner Schule nach 50 Jahren? Vor allem sollte man ihr und uns gratulieren, daß es sie noch gibt und daß es sie vor allem auf so hohem Niveau gibt. Und weil wir Heilpraktiker es nicht lassen können, Ratschläge zu erteilen, sei auch hier allen modischen Neuerungen zum Trotz der Ratschlag des VI. Kurses angefügt:
Bleibt dieser bewährten Mischung aus Wissenschaftlichkeit und Tradition treu!
Bleibt unseren großen Namen Angerer, Dr. Fritsche, Doris Baginsky, Heinrich Pumpe und Willy Schmidt verpflichtet!
Bedenkt, daß es für eine Schule nur zwei tödlich wirkende Gifte gibt: Akademismus und Langeweile.


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